Passage de Lorette. Walter Benjamin in Marseille

Essai von Sabine Günther (Basler Magazin, 1997)

Prolog


Du steigst im alten Viertel von Marseille tausend enge Treppen hoch, bis du endlich auf einem mit Autos vollgestopften und von ungekämmten Frauen in Morgenröcken beherrschten Platz stehst. Zu deiner Linken erstaunt dich ein Bauwerk, das du dieser Stadt niemals zugetraut hättest: La Vieille Charité. Du fragst dich ob das hier war, wo Rimbaud...

Aber dann fällt dir ein, dass er doch nicht hier gestorben ist, sondern in einem anderen Spital, mehr in der Innenstadt, in der Nähe jenes Frisiersalons, in dem Artauds Geist an jedem 4. September des Jahres den Mythos der Haare zelebriert:

Wasche, wasche die Wimpern, Uccello, wasche die Linien, wasche die bebende Spur der Haare und Falten auf den gehenkten Gesichtern der Toten, die dich anschauen wie Eier.

Du stehst immer noch auf dem Platz, zögerst, ob du das Gelände der Vieille Charité betreten und dir einen Museumsrundgang zumuten oder ob du lieber essen gehen solltest.

Dein Appetit auf etwas Chinesisches lenkt deine Schritte in Richtung des Boulevard de la République, auf dem die gestrandeten Köche dieser Welt Transitäre wie dich seit Urzeiten auf den Geschmack der Morgenländer bringen.

Der kürzeste Weg dorthin führt durch ein schwarzes Loch.

Im Innern des Lochs geht es eine steile Treppe hinunter. Du bist sicher, dass du auf dem rechten Weg bist, aber die Sache ist dir trotzdem nicht geheuer, denn du bist mutterseelenallein auf einer endlos langen, dunklen und vor Dreck stinkenden Treppe.

Während du dich vorsichtig am Geländer entlang hangelst und das Ende deines Abstiegs herbeisehnst, siehst du dich ausgeraubt und erstochen an der Wand liegen. Aber irgendwann wird Licht und vor dir liegt die Straße. Die Strasse aber ist nicht der Boulevard, den du suchst, sondern eine Sackgasse oder vielmehr ein langgezogener, an seiner Schmalseite zugebauter Innenhof, glasüberdacht und Fahrzeugen nur durch zwei enge Hofeinfahrten zugänglich.

Du weisst im ersten Augenblick noch nicht, was diese Verbrecher-Treppe und dieses  Gemisch aus Innenstrasse und Aussenhof dir sagen wollen, aber du bist dir der Aussergewöhnlichkeit des Ortes vollkommen bewusst. Dein Hunger ist verschwunden; du bist berauscht von deiner Entdeckung, die, so denkst du, nur dir allein gehört.

Du holst den Fotoapparat aus der Tasche und fängst an herumzuknipsen. Dabei näherst du dich unbemerkt dem Boulevard, der am Ende einer Hofeinfahrt - von diesem kurzen Einbruch des Imaginären beim Durchschreiten der Passage de Lorette nicht weiter beeindruckt - auf dich wartet.



Fluchtpunkt Marseille


Ähnliches muss Walter Benjamin bei einem seiner Streifzüge durch Marseille widerfahren sein, als er eines Tages über das Strassenschild Passage de Lorette stolperte. Plötzlich sah er sich in einer der ältesten und finstersten Ecken der Hafenstadt mit einem dieser seltsamen Mischgebilde von Haus und Strasse konfrontiert, das er wohl aus Paris, Berlin und anderen Grossstädten kannte, aber hier durchaus nicht vermutet hätte:


Dem Reisenden werden die grauen Häuser des Boulevard de Longchamp, die Fenstergatter des Cours Puget und die Bäume der Allées de Meilhan nichts verraten, wenn ihn nicht ein Zufall in die Totenkammer der Stadt, den Passage de Lorette führt, den schmalen Hof, wo im schläfrigen Beisein einiger Frauen und Männer die ganze Welt zu einem einzigen Sonntagnachmittag zusammenschrumpft.


Was immer die äusseren Anlässe waren, die Walter Benjamin ab 1926 bis zu seinem Freitod am 26. September 1940 im französisch-spanischen Grenzort Port Bou nach Marseille führten - den letzten Grund dieser Reisen können wir nur ahnen.

Es ist nicht einmal sicher, ob Benjamin alle seine Marseille-Aufenthalte mitgeteilt oder nicht einige verschwiegen hat, zum Beispiel die, aus denen später das geheimnisvolle Protokoll  über seine Haschischexperimente hervorging.

Um zu erfahren, was Benjamin einige Jahre lang nach Marseille gezogen hat, müssen wir uns zuallererst an die verschiedenen Texte über Marseille halten, die  Benjamin zu Lebzeiten hier und da versprengt veröffentlicht hat: „Marseille“, „Haschisch in Marseille“ und „Myslowitz-Braunschweig-Marseille“.

Sie stellen seine anfangs fast verzweifelten, mit der Zeit jedoch immer souveräner werdenden Versuche dar, der geheimnisvollen Stadt auf die Spur zu kommen, sie zu enträtseln und sich gleichzeitig in ihr zu verstecken und mit wechselnden Masken abzutauchen.

Marseille sollte, anders als Paris, zu Benjamins entscheidendem Fluchtpunkt werden, in dem in verschiedenen Lebensphasen seine Drogenerfahrungen, Flucht-Gedanken und Hoffnungen auf Rettung zusammenliefen.

Marseille hatte ihm mehrmals ein anderes Leben, einen grundlegenden Aufbruch zu neuen Ufern versprochen, aber machte am Ende keinen der Träume, an denen Benjamin hing, deren Verwirklichung er aber gleichzeitig boykottierte (zum Beispiel die geplante Übersiedlung nach Palästina im Jahre 1930 ), wahr.

Die dramatische Rolle, die die Stadt in Benjamins Leben gespielt hat, verband sich bei ihm jedoch von Anfang an mit der Ahnung, das aus dieser Erfahrung Entscheidendes für das eigene Werk, die Ausarbeitung einer neuen  Geschichtsphilosophie, herauszuholen sein würde.

Und darin hat sich Benjamin nicht getäuscht.

Seine Marseilleaufenthalte und die danach entstandenen epischen Texte spielten für ihn in seiner  Loslösung vom Surrealismus, der Überwindung dessen, was er das  „Verharren im Traumbereich“ nannte, eine ebenso grosse Rolle wie für die Bestimmung des eigenen theoretischen Standorts im „Passagen-Werk“, Benjamins grosser Fragment gebliebener Hinterlassenschaft.


Die „Cahiers du Sud“


Zum ersten Mal war Walter Benjamin von Agay aus, einem Urlaubsort an der Côte d‘Azur, am 15. September 1926 nach Marseille gefahren, um  sich dort mit Jean Ballard, dem Herausgeber der Cahiers du Sud zu treffen und ihm seine Mitarbeit anzubieten.

Die Eindrücke, die dieses erste und ein zweites Treffen, zu dem Benjamin kurz darauf nochmals nach Marseille gefahren war, bei ihm hinterlassen hatten, wurden kurz darauf in der Literarischen Welt veröffentlicht, für die er als Korrespondent aus Frankreich berichtete:


Im Jahre 1914, als sie (die Zeitschrift, S.G.) anfing zu erscheinen, hiess sie „Fortunio“ und heut wie damals ist Jean Ballard, der mit der Zeitschrift selber gross geworden ist, ihr Herausgeber. Er sagt: ‚Wir sind jetzt auf dem Wege zur grossen Revue. Wir arbeiten nicht gegen Paris, sondern im Einvernehmen mit den Kameraden dort, doch unabhängig von dem modischen Betrieb der Hauptstadt.(..) Marseille ist eine höchst europäische Stadt. Europa wird an seinem Geistesbilde mitarbeiten, wie es das seit Jahrhunderten an seinem topographischen getan hat.‘ Und nun schlägt er die Hefte auf, in denen deutsche und englische, italienische und spanische Namen häufig den Ehrenplatz an erster Stelle haben. Nicht immer allbekannte Namen - denn ein Unternehmungsgeist, der gegen die Pariser Saturiertheit angenehm sich abhebt, hält nach dem ‚inédit‘ der Namen und Gedanken Ausschau.


Benjamin, nachdem sich seine Hoffnungen auf eine Universitätskarriere in Deutschland zerschlagen hatten, seit März 1926 in Paris auf der Suche nach Interessenten an seiner Arbeit, war in der Hauptstadt schnell zu einem niederschmetternden Befund gekommen: „Leute soviel man will, um eine viertel Stunde sich angenehm zu unterhalten, niemand der sehr darauf brennt, Näheres mit einem zu tun zu haben.“

In dieser Situation, die sich auch in den kommenden Jahren nicht grundlegend ändern sollte, erschien die Kontaktaufnahme mit Jean Ballard in Marseille als eine unvorhergesehene Chance, sich in Frankreich von der Peripherie aus als Autor  bekanntmachen zu können.

Diese Begegnung erschien umso attraktiver, als Marseille in den zwanziger und dreissiger Jahren kulturell DAS Gegenstück zu Paris darstellte und vor allem der Kreis um die Cahiers seit kurzem den Mittelpunkt dieser anderen Kultur bildeten.

Als Benjamin auf die Zeitschrift aufmerksam wurde, war sie gerade in einem radikalen Umbruch begriffen: Jean Ballard, von Beruf péseur-juré, Gewichteprüfer auf dem städtischen Grossmarkt, und alles andere als ein Spezialist der neuen literarischen Szene, hatte sich unlängst mit einem jungen Mann namens André Gaillard zusammengetan. Als Werbechef der grossen Schifffahrtsgesellschaft „Paquet“, war er Ballard von unschätzbarem Wert, weil die Revue durch Werbeanzeigen finanziert werden musste und Gaillard aufgrund seiner Stellung nicht nur die entscheidenden Geldquellen kannte, sondern auch verstand, sie zum Fliessen zu bringen.

Kurz nach dem Eintritt Gaillards in die Cahiers du Sud war die Zeitschrift mit Werbeanzeigen der grössten in Marseille ansässigen Unternehmen und über zehn Schiffahrtsgesellschaften gepflastert. Freiexemplare lagen in den Empfangshallen und Bibliotheken der Luxushotels an der Riviera, in den Wartesälen der Bahnhöfe im südwestlichen Teil Frankreichs und in den Salons vieler Schifffahrtsgesellschaften aus.

Das Blatt wurde somit schnell weit über Marseille hinaus bekannt und machte aufgrund der aussergewöhnlichen Gewagtheit seiner Beiträge bald von sich reden.

Denn hinter dem Werbechef Gaillard stand der heute leider vergessene Dichter Gaillard, ein Kenner allerneuster künstlerischer Tendenzen, mit Antonin Artaud, Henri Michaux und Paul Eluard befreundet. Zu einem Zeitpunkt, als die Surrealisten in Paris noch auf dem Index standen und die „Nouvelle Revue Française“ unter Jean Paulhan sich an ihnen die Finger nicht verbrennen wollte,  lud Gaillard einen nach dem anderen offiziell zur Mitarbeit in den Cahiers du Sud ein und veröffentlichte trotz der grossen Risiken, dadurch einen Teil der gerade erst neu geworbenen Abonnenten wieder zu verlieren,   unter anderen Paul Eluard, Roger Vitrac, Benjamin Péret, René Crevel und Antonin Artaud.

Auf den Umschlägen der zur gleichen Zeit gegründeten Buchreihen zeichneten Max Ernst, André Masson, Giorgio de Chirico und Man Ray.

Hinter Gaillard standen in den Cahiers du Sud mehrere „Graue Eminenzen“, die das inhaltliche Gleichgewicht der Zeitschrift auszupendeln versuchten, indem sie  André Gide, Paul Valéry und Armand Salacrou ins Spiel brachten und   sich vor allem um Beiträge interessanter Autoren aus dem Ausland bemühten.

Benjamin gewann im Redaktionskollegium die Aufmerksamkeit von Marcel Brion, einem Kosmopoliten und hervorragenden Kenner der deutschen, englischen und amerikanischen Literatur, der mit Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal, Rilke und Hesse korrespondierte und ihre Bücher für die Cahiers rezensierte. Brion lobte Benjamin im Dezemberheft 1926 für seine Übertragungen der „Tableaux parisiens“ von Baudelaire und empfahl Jean Ballard, zukünftig regelmässig Texte von Benjamin zu veröffentlichen.

Das erste Angebot, ein Aufsatz über Marcel Proust, war von Benjamin bei seinem Besuch im Herbst 1926 selbst gekommen. Ballard hatte zugesagt, aber der Essay konnte nie erscheinen, da Benjamin später keinen geeigneten Übersetzer für seinen deutschen Text fand.

Bis es zu einem ersten Beitrag in den Cahiers kommen konnte, mussten fast zehn Jahre vergehen: „Haschisch in Marseille“ erschien im Januar 1935, und ein zweiter Text, der „Wahlverwandschaften“-Aufsatz, 1937 in einer Sondernummer zur deutschen Romantik.  Marcel Brion, den Benjamins Persönlichkeit faszinierte und der   nur allzu gern weitere Texte von ihm in der Revue veröffentlicht gesehen hätte, konnte nicht mehr für ihn tun - oder doch: dank seiner Pariser Kontakte verschaffte er Benjamin eine Leser-Karte für die Bibliothèque Nationale.


Marseiller Topographie


Ich fuhr früh morgens mit dem Auto durch Marseille zur Bahn, und wie mir unterwegs bekannte Stellen, dann neue, unbekannte oder andere, die ich nur ungenau erinnern konnte, aufstiessen, wurde die Stadt ein Buch in meinen Händen, in das ich schnell noch ein paar Blicke warf, bevor es in der Kiste auf dem Speicher mir auf wer weiss wie lange aus den Augen kommen sollte.


Wollte Walter Benjamin Marseille, dieser sperrigen Materie, entkommen?

Hugo von Hofmannsthal gestand er in einem Brief, dass es schwerer sei, dieser Stadt „einen Satz abzuringen, als aus Rom ein ganzes Buch herauszuholen“.

Wie soll man auch eine Stadt beschreiben, deren Geschichte nicht sichtbar und greifbar in Stein gehauen ist, sondern unter dem Strassenpflaster kleingehauen begraben liegt?

Was kann aus einem Haufen Schiffsmasten an einem Ort, an dem alles - Gerüche, Farben und Geräusche - übertrieben, masslos, fremd und beunruhigend wirkt, an Lesbarkeit herausgeholt werden?

Marseille wurde ein Buch in meinen Händen ?- Nein, das wurde es vorerst nicht. Die Stadt sollte sich eher als ein Buch mit sieben Siegeln erweisen, die nicht so leicht zu lösen waren.

Benjamin entschied sich auch in diesem Falle für die zuvor schon des öfteren erprobte Methode der Stadt-Umzingelung. Er begann Marseille von seinen Rändern her aufzurollen und erkundete dabei seine Topographie - die Lage der Strassen, den Verlauf der Tramlinien, die Verteilung der Cafés, das Verhältnis von Zentrum und Weichbild.

Aus den ersten, vom Zufall bestimmten Promenaden eines einsamen und unermüdlichen Spaziergängers entstanden Momentaufnahmen, nach dem Vorbild des „Aphorismenbuchs“ „Einbahnstrasse“ kaleidoskopartig aufgebaut und kurz „Marseille“ genannt:


MARSEILLE KATHEDRALE. Auf dem menschenleersten, sonnigsten Platz steht die Kathedrale. Hier ist es ausgestorben, trotzdem im Süden, zu ihren Füssen, La Joliette, der Hafen, im Norden ein Proletarierviertel dicht anstösst. Als Umschlagplatz für ungreifbare, undurchschaubare Ware steht da das öde Bauwerk zwischen Mole und Speicher. An vierzig Jahre hat man darangesetzt. Doch als dann 1893 alles fertig war, hatten Ort und Zeit an diesem Monument sich gegen Architekten und Bauherrn siegreich verschworen und aus den reichen Mitteln des Klerus war ein Riesenbahnhof entstanden, der niemals dem Verkehr konnte übergeben werden.(...)

Auszüge aus der Eisenbahnverkehrsordnung hängen als Hirtenbriefe an den Wänden, Tarife für den Ablass auf die Sonderfahrten im Luxuszug des Satan werden eingesehen und Kabinette, wo der Weitgereiste diskret sich reinwaschen kann, als Beichtstühle in Bereitschaft gehalten. Das ist der Religionsbahnhof zu Marseille. Schlafwagenzüge in die Ewigkeit werden hier abgefertigt.


Was sich bei Benjamin wie eine Erfindung liest, ist die wahrheitsgetreue Schilderung des Schicksals der grössten Architekturruine von Marseille: „La Cathédrale Sainte-Marie-Majeure“ wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in einem pseudo-romanisch-byzantinischen Stil direkt gegenüber den Quais und Docks des Hafens La Joliette  errichtet, um fortan vom immensen Reichtum der Stadt zu zeugen.

Für den Bau der neuen Kathedrale opferte man eine der ältesten und schönsten romanischen Kirchen der Stadt, die sich, nachdem später der grobe Verstoss gegen die Regeln des „Patrimoine“ eingesehen worden war, bis heute im Dauerzustand der Restaurierung befindet, während die Neue Kathedrale zwar durchgehend geöffnet ist, aber glücklos dahinwittert und schon lange keinen armen Sünder mehr anzieht.



Der Pont Transbordeur


Die ersten Kurztexte über Marseille waren Fingerübungen, Annäherungsversuche und notwendige Vorstufen für die späteren Marseille-Stücke „Haschisch in Marseille“ und „Myslowitz-Braunschweig-Marseille“.

In ihnen wurde offensichtlich,  dass der Sprung ins städtische Labyrinth und die daraus gezogenen Erkenntnisse über Raum und Zeit, Traum und Erwachen, topographische Vision und allegorische Bedeutung  konkreten, sehr persönlichen, intimen Erfahrungen entsprach.

Benjamin spielte als Haschischesser und Flaneur in wechselnder Verkleidung in Marseille jene Schwellen-Zustände durch, die später zu der wichtigen, gegen den Surrealismus gewendeten, theoretischen Erkenntnis führen sollten, dass...


...die wahre, schöpferische Überwindung religiöser Erleuchtung aber nun wahrhaftig nicht bei den Rauschgiften (liegt). Sie liegt in einer profanen Erleuchtung, einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der Haschisch und Opium und was immer sonst die Vorschule abgeben können.


Alle Marseille-Texte von Walter Benjamin beziehen sich aufeinander, werden im Laufe der Jahre neu montiert und zunehmend verfeinert. Während „Haschisch in Marseille“  nur ein - wenn auch aufschlussreiches - Protokoll eines Haschischrauschs darstellt, dem Benjamin ein „höchst bedeutsames Buch über das Haschisch“ folgen lassen wollte, ist der letzte aus Marseille stammende Text „Myslowitz-Braunschweig-Marseille“ eine Erzählung, eine episch raffiniert aufgebaute Parabel, mit der die einmal von Ernst Bloch im Freundeskreis aufgestellte Behauptung, dass „es niemanden gäbe, der nicht schon einmal im Leben ums Haar ein Millionär geworden wäre“ bewiesen werden soll. Benjamin spielt in der Erzählung nur den Nacherzähler einer Begebenheit, die in Wirklichkeit einem Maler namens Eduard Scherlinger in Marseille zugestossen sein soll:


Als ich nach dem Tode meines Vaters, begann er, ein nicht ganz kleines Vermögen in die Hände bekommen hatte, überstürzte ich meine Abreise nach Frankreich.Vor allem war ich glücklich, noch vor Ende der Zwanziger Marseille, die Heimatstadt Monticellis, dem ich alles in meiner Kunst zu verdanken habe, kennenzulernen; von anderm, wofür Marseille mir damals stand, zu schweigen. 


Wofür wird Marseille dem Maler Ende der zwanziger Jahre gestanden haben?

Die Antwort könnte lauten: für alles, was aus dieser Stadt zurecht einen Insidertip in den Kreisen der europäischen Intelligentia gemacht hat.

Zur Attraktivität der Hafenstadt trug nicht nur ihre Lage am südlichen Ende Frankreichs bei, die sie eher orientalischen und afrikanischen als zentralfranzösischen Einflüssen aussetzte, sondern natürlich auch ihr Glanz und das unbeschwerte Leben seiner Bewohner. Das in den Kolonien seit Ende des 19.Jahrhunderts so rasant schnell und leicht verdiente Geld wussten sie mit grosser Geste und Angeberei zu verjubeln. Beschreibungen der trostlosen proletarischen Vorstädte, des Elends im Hafenviertel, die Benjamin veröffentlichte, waren selten. In der Regel überschlugen sich die Elogen auf die Hafenstadt mit ihrer prachtvollen Canebière, den schönen Cafés, den Music-Halls, den Austernständen und... dem Pont Transbordeur.

Die 1904 in Betrieb genommene Fahrbrücke am Alten Hafen war schnell zu einem Symbol für die Ultra-Modernität Marseilles geworden. Sie zog die Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy und Herbert Bayer, Germaine Krull und Man Ray ebenso in ihren Bann wie die Schriftsteller Stefan Zweig, Joseph Roth, Kurt Tucholsky und Erika und Klaus Mann. Sie alle hielten sich ab Mitte der zwanziger Jahre immer wieder für einige Zeit in Marseille auf und liessen sich von der Stadt im allgemeinen und von diesem Bauwerk im besonderen inspirieren.

Das Umschlagfoto von Siegfried Giedeons 1928 erschienenem Buch “Bauen in Frankreich. Eisen. Eisenbeton“  zeigt die Silhouette des „Pont Transbordeur“ dessen Funktion der Autor in seiner Einleitung erklärte:


Über dem Wasser schwebende Fähre, die mit Seilen an dem hochgelegenen Steg beweglich aufgehängt, den Verkehr der beiden Hafenseiten vermittelt. Dieser Bau ist nicht als „Maschine“ zu werten. Er kann nicht aus dem Stadtbild fortgeleugnet werden, dessen phantastische Krönung er bedeutet. Aber sein Zusammenwirken mit der Stadt ist weder „räumlich“ noch „plastisch“ fassbar. Es entstehen s c h w e b e n d e Beziehungen und Durchdringungen, Die Grenzen der Architektur verwischen sich.


Hat Benjamin, der Giedeons Buch kannte und schätzte, dem Pont Transbordeur in seinen Marseille-Texten eine ähnlich grosse Bedeutung als modernes konstruktivistisches Bauwerk eingeräumt? - Durchaus nicht. Er scheint ihn kaum wahrgenommen zu haben, was praktisch unmöglich war, denn die Silhouette der Schwebebrücke beherrschte den Alten Hafen, auf den Benjamin oft genug vom Restaurant „Basso“ aus hinuntergeschaut hat.

Der Pont Transbordeur hätte dem Maler Scherlinger als ein - neben der Passage de Lorette - hervorragendes Beispiel für das widersprüchliche In-Erscheinung-Treten der modernen Bauweise auffallen können. Dort die Verkleidung von Eisen und Glas als plüschiges Interieur, hier das nackte, schmucklose Prinzip des neuen Bauens mit Eisen und Beton in Gestalt der Docks und der Fährbrücke, einem Pendant zum Tour Eiffel.

Aber im Gegensatz zur Passage de Lorette, die als Benjamins Entdeckung gelten kann, war der Pont Transbordeur mit seinem Fahrstuhl und dem Restaurant im luftigen Obergeschoss eine Tourismusattraktion.

Vielleicht erschien es Benjamin lächerlich, in den Chor der Enthusiasten mit einzufallen. Seine Hommagen sparte er sich für  besonders exklusive Partien im Passagen-Werk auf, wo es dann plötzlich heisst:


„In den luftumspülten Stiegen des Eiffelturms, besser noch in den Stahlschenkeln eines Pont Transbordeur, stösst man auf das ästhetische Grunderlebnis des heutigen Bauens: Durch das dünne Eisennetz, das in dem Luftraum gespannt bleibt, strömen die Dinge, Schiffe, Meer, Häuser, Maste, Landschaft, Hafen. Verlieren ihre abgegrenzte Gestalt: kreisen im Abwärtsschreiten ineinander, vermischen sich simultan.“ Siegfried Giedeon: Bauen in Frankreich Lpz Berlin p7 So hat auch der Historiker heute nur ein schmales, aber tragfähiges Gerüst - ein philosophisches - zu errichten, um die aktuellsten Aspekte der Vergangenheit in sein Netz zu ziehen.“


Die letzte Reise


Benjamins philosophisches Ziel hiess: Auflösung der Mythologie im Geschichtsraum. Bevor er den  (surrealistischen) Traumbereich jedoch verliess, ging er als Berauschter in Marseille durch ihn hindurch. Er wurde gleichzeitig zum Praktiker einer mimetischen Erfahrung, die durch Drogen in Gang gesetzt werden musste, und zum Erfinder einer metaphorischen und allegorischen Sprache, die den Leser in der Stadt mit den sieben Siegeln mit auf die Reise in die entschwundene Zeit nahm:


Man müsste, um den Rätseln des Rauschglücks näher zu kommen, über den Ariadne-Faden nachdenken. Welche Lust, in dem blossen Akt, einen Knäuel abzurollen. Und diese Lust ganz tief verwandt mit der Rauschlust wie mit der Schaffenslust. Wir gehen vorwärts; wir entdecken aber dabei nicht nur die Windungen der Höhle, in die wir uns vorwagen, sondern geniessen dieses Entdeckerglück nur auf dem Grunde jener anderen rhythmischen Seligkeit, die da im Abspulen eines Knäuels besteht. Eine solche Gewissheit vom kunstreich gewundenen Knäuel, das wir abspulen - ist das nicht das Glück jeder, zumindest prosaförmigen, Produktivität? 


Walter Benjamis Beziehung zu Marseille ist die Geschichte von Extremlagen, von Ausnahmezuständen, die sein Leben und wahrscheinlich auch seinen Denken beschleunigt und - als hätte in Marseille eine Zeitbombe getickt - verfrüht seinem  tragischen Ende entgegengetrieben haben.

Von dem, was Benjamin in den letzten Augusttagen des Jahres 1940 in Marseille tat - wen er traf, ob er schrieb-, wissen wir kaum etwas.

Der Arzt Fritz Fränkel, der Benjamins frühe Berliner Haschischseancen protokolliert hatte, war dabei, als Benjamin, von Panik ergriffen, im Matrosenanzug auf ein Schiff stieg, um als blinder Passagier den vorrückenden deutschen Truppen ins Ausland zu entkommen - War es Marseille, das ihm diese letzte verrückte Idee eingegeben hatte, bevor er sich, zum Weiterleben zu müde, in Port Bou vergiftete?


© Sabine Günther