... Wie ein Engel vom Himmel gefallen. Der Amerikaner Varian Fry in Marseille 1940-41.

Essai von Sabine Günther (Dokumente, 1999)

"Noch bevor meine erste Woche in Marseille zu Ende ging, hatte es sich offenbar in der gesamten nicht besetzten Zone herumgesprochen, dass ein Amerikaner aus New York gekommen war, wie ein Engel vom Himmel gefallen sei, Taschen voller Geld und Pässe habe, so dass er jedes beliebige Visum im Handumdrehen besorgen konnte."

Wer war dieser mysteriöse Mister Fry aus New York, der am 14. August

1940 die große Bahnhofstreppe in Marseille zum Boulevard d'Athènes hinabstieg und im Hotel "Splendide" nach einem Zimmer fragte? In seinem Koffer trug er eine Liste mit 200 Namen berühmter Emigranten, ein Empfehlungsschreiben von Eleanor Roosevelt, der Ehefrau des amerikanischen Präsidenten, und 3000 Dollar. Sein Auftrag hieß: Rettung einer möglichst großen Anzahl von Künstlern und bekannten Persönlichkeiten vor den Nazis. Aber dafür konnte es jeden Augenblick zu spät sein, denn das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und Frankreich vom Juni 1940 enthielt eine Klausel, nach der sich die französische Regierung dazu verpflichtete, deutsche Emigranten auf Verlangen an die Nazis auszuliefern.

In kürzester Frist aktivierte Varian Fry das "Emergency Rescue Committee", das auf Initiative von Thomas Mann, Hermann Broch, Albert Einstein und anderen Emigranten in den USA gegründet worden war, und machte aus dem Büro in der Rue Grignan Nr. 60 eine der wichtigsten Anlaufstellen für die in und um Marseille festsitzenden Flüchtlinge, von denen die meisten natürlich nicht auf seiner Liste standen. Offiziell hieß es, dass Mister Fry Spenden verteile, inoffiziell engagierte er die Marseiller Unterwelt für die Herstellung falscher Pässe, baute ein Fluchthilfenetz an der französisch-spanischen Grenze auf und erhöhte so die Zahl der ursprünglich zur Rettung vorgesehenen Flüchtlinge um das Zehnfache.

Obwohl bekannt ist, daß zum Beispiel André Breton und seine Familie, Marc Chagall, das Ehepaar Werfel, Golo und Heinrich Mann, Max  Ernst, das Ehepaar Feuchtwanger, Anna Seghers und ihre Familie und viele andere nur unter großen Schwierigkeiten und auf teilweise illegalem Wege aus Frankreich herauskamen, ist Varian Frys entscheidende Rolle bei ihrer Rettung bisher kaum gewürdigt worden. 

In den vergangenen Jahren tauchte sein Name in der Fachliteratur, zum Beispiel im Zusammenhang mit den Problemen der in Südfrankreich zu Beginn des 2. Weltkriegs versammelten Emigranten zwar auf, die Persönlichkeit und der besondere Einsatz dieses Journalisten wurden jedoch nicht als eigenes Thema behandelt.

Es bedurfte der Initiative des Konservators Michel Bépoix aus Aix-en-Provence und des Filmemachers Pierre Sauvage, der als Kind vor den Nazis gerettet worden war und heute in den USA lebt, damit Varian Fry in der ersten Jahreshälfte in Aix-en-Provence und Marseille  mit zwei Ausstellungen geehrt und einem breiteren Publikum vorgestellt werden konnte.

Die erste der beiden Ausstellungen zeigte in Aix-en-Provence, in der Galerie des Conseil Général, von Januar bis April 1999 etwa hundert Zeichnungen, Ölbilder und Objekte jener Künstler, die zwischen 1940 und 41 zu Varian Frys Exilkandidaten zählten: Hans Arp, Victor Brauner, André Breton, Marc Chagall, Marcel Duchamp, Max Ernst, André Masson, Ferdinand Springer, Wols  und andere.

Einige von ihnen standen zum amerikanischen Hilfskomitee in einem besonderen Verhältnis: sie frequentierten die Villa Air-Bel im Marseiller Stadtteil La Pomme, die Fry mit einigen seiner Mitarbeiter und der Familie Breton ab Herbst 1940 bewohnte. Da Breton regelmäßig seine Surrealisten-Freunde Oscar Dominguez, Benjamin Péret, Wilfredo Lam und Victor Brauner in das sogenannte "Château Espère-Visa" einlud, verwandelte sich die Villa in kürzester Frist in eine Künstlerkolonie, in deren kreativer Atmosphäre zahlreiche Gemeinschaftscollagen entstanden sind, die neben den Originalen des von den Surrealisten entworfenen Kartenspiels "Jeu de Marseille" zweifellos zu den interessantesten Entdeckungen dieser Ausstellung gehörten.

Von März bis Juni 1999 wurde im Hôtel du Département in Marseille die historische Ausstellung um Varian Fry gezeigt, die die politischen Umstände der Jahre 1940-41, die Situation der Emigranten und die Vernetzung des amerikanischen Hilfskomitees mit anderen Hilfsorganisationen auf originelle Weise erhellte: der Besucher erlebte die Etappen des Fry-Aufenthalts in Marseille auf wechselnden Bühnen, in einer der damaligen Wirklichkeit entlehnten Szenerie. Man sah Fotografien von den in verschiedenen Straßencafés versammelten und auf ihre Pässe wartenden Künstler und konnte selbst auf einem echten Caféhausstuhl Platz nehmen. Das klappernde Geräusch der Schreibmaschine im nachgebauten Büro von Varian Fry begleitete weiter durch die Ausstellung, hin zu dem mit Kieselsteinen ausgelegten imaginären Eingang  zur "Villa Air-Bel", vorbei an übereinandergestapelten Koffern zum Oberdeck eines Passagierschiffs, das "Paul Lemerle", "Wyoming" oder "Winipeg" heißen konnte. Von dort führte der Weg über eine Schiffsleiter zum Ausgang, mit Blick auf das großdimensionale fotografische Abbild der Sky-Line von New York.

Die Ausstellung in Marseille gab die Stimmung jener kurzen Zeit wieder, in der Varian Fry und sein Arbeitskollektiv, zu dem neben anderen Daniel Bénédite, Ott-Albert Hirschmann, Paul Schmierer, Lisa Fittko und Miriam Davenport gehörten, in Marseille aktiv waren.

In dieser Zeit bündelten, spitzten sich Schicksale zu und entschieden  willkürlich über Leben und Tod. Was in einer solchen dramatischen Situation an künstlerischer Energie entstehen oder erhalten bleiben konnte, war nicht nur auf den Kreis um André Breton beschränkt. Die Redaktion der literarischen Revue "Les Cahiers du Sud" unter Leitung von Jean Ballard bildete ein weiteres Zentrum, die Süßwarenmanufaktur "Croque-Fruits" von Sylvain Itkine ein drittes. Bei den "Croque-Fruits" liefen mehrere der in Marseille bestehenden Künstlerkreise zusammen: Besucher der Villa Air-Bel wie Jacques Hérold oder Oscar Dominguez arbeiteten mit Benjamin Péret, Jean Eiffel und Sylvia Bataille täglich dreieinhalb Stunden in der Kooperative, verdienten etwas Geld und widmeten sich danach ihren eigenen künstlerischen Aktivitäten - dem Schreiben, Malen oder Theaterspielen. Von den etwa 180 Mitgliedern dieser einzigartigen Phalanstère überlebten nur zwanzig den Krieg.

Fry selbst stieg am 29. August 1941 in Begleitung französischer Gendarmen die große Treppe zum Bahnhof Saint-Charles wieder hinauf. Aus Frankreich ausgewiesen, später in den USA von denen, die ihm ihr Leben zu verdanken hatten, vergessen, starb Varian Fry am 13. September 1967 an "gebrochenem Herzen".



Quellen:


- Varian Fry, Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41, Fischer, Frankfurt a.M. 1995, S. 37

- Jacques Grandjonc, Theresia Grundtner (Hg.), Zone der Ungeißheit. Exil und Internierung in Südfrankreich, 1933-44. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1993

- Ausstellungskatalog: Varian Fry et les candidats à l'exil. Marseille 1940-41. Actes Sud, Arles1999

- Ausstellungskatalog: Varian Fry. Mission américaine de sauvetage des intellectuels anti-nazis. Marseille 1940-42. Actes Sud, Arles 1999



© Sabine Günther